digitales leben! digitaler tod?

Wer kann sich noch an die Seiten der Toten erinnern, die Zuhauf im Netz schwebten 1998. Ich leider nicht, weil ich zu dieser Zeit noch nicht online war. Aber auch in der heutigen Zeit stolpert man über derartige Relikte der Vergangenheit. Früher waren das statische Seiten von Bildern, Texten und Erinnerungen die im endlosen Netz ewig Leben und so die Vergleichbarkeit zum Jungbrunnen darstellen. In der heutigen Zeit sind es youtube Videos mit verhallenden Nachrufen, die in der Masse untergehen. Immer mehr Menschen steigen ein in das virtuelle Leben, in die "Cloud" wie es so schön heißt. Es ist ein virtuelles Leben, ein Leben, dass nach dem ersten Tod nicht beendet ist. Das Internet besteht jetzt seit 1990. Es ist, wie wir es kennen, eigentlich noch in seinen Kinderschuhen und es ist viel zu früh um über Tod und Verderben nachzudenken. Aber es wird unweigerlich kommen. Die Nachrufe werden in die Cloud verlagert, Facebook Profile werden gelöscht, was soviel bedeutet wie digital zu sterben. Man muss sich über den Begriff des Lebens und Sterben neue Gedanken machen, wie auch der Freundschafts-Begriff in seiner eigentlichen Form keine Bedeutung mehr online findet. Was bedeutet dann digitalen Suizid? Ich kenne viele die den Schritt machen und ihre digitale Identitaet ausloeschen, komplett wipen. Es scheint auch, um Abstand zu dem Leben zu finden, ein einfacher Schritt zu sein. Es ist anerkannt und wird oft als noetiger Ausweg gesehen und vorgeschlagen. Aber es ist ein Sterben, ein Sterben seines digitalen Abbilds, dass man ueber eine gewissen Zeit geschaffen hat. Es ist wie ein Spiel: Game Over. Aber ueber die Auswirkungen macht sich keiner Gedanken. Es werden genauso "Freundschaften" gebrochen, denn wir können uns nicht vorstellen, irgendwann nicht mehr in dieser Cloud zu leben, nicht mehr ständig online zu sein. Meine Generation ist damit aufgewachsen und ich habe auch schon von vielen Älteren gehört: "Mein Gott, wie haben wir damals gelebt". Ich weiß, der Gedanke wurde schon vor etlichen Jahren in endlosen Science-Fiction Filmen ausgesponnen, aber wir Rücken dem digitalen Identitätsabbild immer näher. Es dauert nicht mehr lange und man kann kann sich abspeichern. Sich digital Backupen und dort weiterleben. Ein erster Schritt Richtung ewiges Leben? Ist das der "Jungbrunnen", der seit Anbeginn der Zeit gesucht wird? Das Abbild lernt vielleicht nicht, aber es muss auch nicht lernen, denn es aus der größten Bibliothek der Welt gespeist: dem Internet selber. Es lebt in der Cloud, du lebst in der Cloud. Wird es dann ueberhaupt Bestattungen im eigentlichen Sinne geben? Man muss sich entscheiden, ob man mit dem menschlichen Ableben auch sein digitales Avatar sterben und Bestatten laesst. Es wird von Geistern nur so wimmeln. Ein gruseliger Gedanke, wenn eine verstorbene Person auf Facebook weiterschreibt und dir antwortet. Aber wieviele rufen denn auf Anrufbeantwortern an, nur um die Stimme eines kürzlich Verstorbenen noch zu hören. Ein echtes Problem des Loslassens, aber vielleicht auch ein letzter Versuch sich mit jemandem zu Unterhalten und Abschied zu nehmen. Ich würde gerne mit einem Psychologen bei einem Bier über das Thema quatschen. Wer es nicht weiß: es wurden schon eine Zeremonien für Verstorbene von seinen online Freunden (wie WoW oder aehnliches) abgehalten. Sowas ist keine Seltenheit mehr. Vielleicht sollte man wirklich einfach den ersten Schritt in die pietätslose Richtung machen und ausprobieren. Ein Social Network für Verstorbene. Eine Möglichkeit für Trauernde ein ewiges Leben, eine ewige Gedenkstätte zu schaffen. Meinungen sind gerne Willkommen! so long